Deutsch · Camera Reviews
Leica M EV1: Der kontroverse Wechsel vom Messsucher zur spiegellosen Kamera
Die Leica M EV1 ersetzt den Messsucher durch einen elektronischen Sucher. Damit öffnet sie das M-System für neue Anwender, stellt aber gleichzeitig sieben Jahrzehnte Tradition infrage. Ein detaillierter Blick darauf, was funktioniert, was verbessert werden muss und für wen diese Kamera geeignet ist.
Der Bruch mit sieben Jahrzehnten Tradition
Das Leica M-System ist seit 70 Jahren im Kern unverändert geblieben. Die M3, die erste M-Kamera, und die M11, das aktuelle Messsucher-Flaggschiff, teilen dieselbe Philosophie: ein kompaktes Gehäuse, wechselbare M-Mount-Objektive und ein Messsucher als Herzstück des Erlebnisses. Diese Beständigkeit ist Teil der Identität und des Reizes der M.
Die M EV1 bricht vollständig mit dieser Tradition. Sie ersetzt den Messsucher-Mechanismus durch einen elektronischen Sucher und ist damit Leicas erste spiegellose M-Mount-Kamera. Für Puristen fühlt sich das an, als würde man dem System die Seele rauben. Leicas eigenes Marketing betont stets, dass der Messsucher das Herz der M ist. Doch die M EV1 deutet auf ein anderes Herz hin: die Objektive selbst.

Die M EV1 ist kein Ersatz für die M11. Sie ist ein alternativer Weg, der das M-System für Fotografen öffnen soll, denen der Messsucher eine zu steile Lernkurve bot oder die schlicht die Direktheit eines elektronischen Suchers bevorzugen. Für ein Kamerasystem, das auf 70 Jahren Kontinuität aufbaut, ist das ein wahrhaft mutiger Schritt.
Der Sucher: Zahlen und Leistung in der Praxis
Auf dem Papier ist der elektronische Sucher der M EV1 beeindruckend. Er bietet 5,76 Millionen Bildpunkte bei 60 Bildern pro Sekunde mit 0,76-facher Vergrößerung und 100 Prozent Abdeckung. Diese Spezifikationen entsprechen der Q3 und SL3, wobei diese Kameras sogar 120 FPS erreichen können. Die Zahlen sind solide.
In der Praxis überzeugt der Sucher. Er wirkt nicht ganz so natürlich wie der Blick durch einen optischen Messsucher, ist aber klar, reaktionsschnell und hell. Der wahre Vorteil zeigt sich bei der Verwendung von Ultra-Weitwinkel-Objektiven. Ein traditioneller M-Messsucher bietet Leuchtrahmen nur bis 21 mm; alles, was weiter ist, erfordert einen externen optischen Sucher. Der elektronische Sucher der M EV1 zeigt das volle Bild bei jeder Brennweite, was die Komposition mit Ultra-Weitwinkeln nahtlos macht.
Die M EV1 übernimmt ein nützliches Feature der M11: den Leuchtrahmen-Vorschauhebel. Bei der M11 vergrößert dieser Hebel den Messsucher-Ausschnitt auf 1,3-fach oder 1,8-fach, um die Crop-Fähigkeit des 60-Megapixel-Sensors zu nutzen. Bei der M EV1 erfüllt der Hebel einen ähnlichen Zweck, auch wenn der digitale Zoom bei einem spiegellosen Gehäuse mit Wechselobjektiven weniger kritisch ist.
Manuelle Fokus-Implementierung: Vergrößerung und Peaking
Die M EV1 bietet ausschließlich manuellen Fokus. Es gibt keinen Autofokus. Dies ist eine bewusste Entscheidung, die den Charakter des M-Systems bewahrt, stellt aber hohe Anforderungen an die Qualität der Fokussierhilfen.
Die Kamera bietet zwei primäre Werkzeuge: Vergrößerung und Peaking. Die Vergrößerung vergrößert die Bildmitte beim Drehen des Fokusrings, was eine präzise Scharfstellung erleichtert. Peaking hebt Kanten im Bild hervor, an denen der Kontrast am höchsten ist, und zeigt so die Schärfeebene an. Eine Taste neben dem Auslöser aktiviert die Vergrößerung zudem manuell.

Die Umsetzung hat ihre Vorzüge, aber auch Reibungspunkte. Bei lichtstarken Objektiven wie einem 50mm f/1.0 ist der zweistufige Prozess – Vergrößern, Fokussieren und dann den Auslöser halb drücken, um die Vergrößerung vor dem Neukomponieren zu beenden – mit einer spürbaren Verzögerung verbunden. In der dynamischen Street-Fotografie kann diese Verzögerung dazu führen, den entscheidenden Moment zu verpassen. Peaking allein ist bei der geringen Schärfentiefe lichtstarker 50mm-Objektive nicht präzise genug; das Peaking-Leuchten erscheint oft auch dann, wenn das Bild leicht unscharf ist.
Es gibt bessere Lösungen. Fujifilms digitales Mikroprisma, angelehnt an den Schnittbildindikator alter SLR-Kameras, zeigt eine klare Ausrichtungsanzeige, wenn der Fokus erreicht ist. Eine vergrößerte Bild-im-Bild-Überlagerung wäre ebenfalls hilfreich, um den Bildausschnitt beizubehalten und gleichzeitig den Fokus zu bestätigen. Diese Werkzeuge würden die M EV1 für die manuelle Fokussierung exzellent machen.
Lichtstarke Objektive und Fokusgenauigkeit
Die Herausforderung bei lichtstarken 50mm-Objektiven an der M EV1 ist real. Ein 50mm f/1.0 hat eine extrem geringe Schärfentiefe, und das aktuelle Vergrößerungs- und Peaking-System hält den Anforderungen bei sich schnell bewegenden Motiven nicht ganz stand.

Bei lichtschwächeren Objektiven sieht es anders aus. Ein 35mm f/2.8 oder 28mm f/4 funktioniert mit Peaking allein sehr gut. Die M EV1 ist mit diesen Brennweiten absolut leistungsfähig. Der Messsucher hingegen hat seine eigenen Grenzen: Er fokussiert nur bis 70 cm, während einige moderne Leica-Objektive näher fokussieren können. Zudem erfordert der Messsucher, dass man in der Mitte fokussiert und dann den Ausschnitt wählt, was in dynamischen Situationen ebenfalls Zeit kostet.
Die M EV1 löst das Problem lichtstarker Objektive nicht perfekt, öffnet aber eine Tür, die beim Messsucher für bestimmte Anwendungsbereiche verschlossen bleibt.
Ultra-Weitwinkel-Objektive und neue Möglichkeiten
Hier glänzt die M EV1 wirklich. Ultra-Weitwinkel-M-Mount-Objektive, wie das 21mm Summilux, sind an einem traditionellen M-Messsucher eine Herausforderung. Man benötigt einen externen optischen Sucher, und die Adaption von Ultra-Weitwinkeln an andere spiegellose Systeme führt oft zu einer schlechten Abbildungsleistung in den Ecken.

Die M EV1 zeigt das volle Bild im elektronischen Sucher bei jeder Brennweite und nutzt die nativen M-Mount-Objektive ohne optische Kompromisse. Für die Ultra-Weitwinkel-Fotografie ist das ein echter Vorteil. Die M EV1 könnte die beste Plattform werden, um das gesamte Spektrum der M-Mount-Objektive zu erkunden – von Ultra-Weitwinkeln bis hin zu längeren Brennweiten – ohne die optischen Einschränkungen des Messsuchers.
Das Gesamtbild
Die M EV1 ist kein Sakrileg, sondern Pragmatismus. Beim M-System ging es schon immer um kompakte, exzellent gefertigte Objektive mit makelloser Abbildungsleistung. Der Messsucher war das Werkzeug, um diese Objektive zu nutzen, aber er war nie das einzig mögliche Werkzeug.
Indem die M EV1 die Hürde des Messsuchers beseitigt, öffnet sie das System für Fotografen, die M-Mount-Glas wollen, aber elektronische Fokussierhilfen bevorzugen. Sie bietet zudem bestehenden M-Nutzern neue Möglichkeiten mit Ultra-Weitwinkel-Objektiven und kürzeren Naheinstellgrenzen. Dies ist kein Ersatz für die M11; es ist eine Erweiterung dessen, was das M-System leisten kann.
Die Fokus-Implementierung benötigt noch Feinschliff. Firmware-Updates könnten Schnittbild- oder Bild-im-Bild-Modi hinzufügen, um die Arbeit mit lichtstarken Objektiven flüssiger zu gestalten. Aber das Fundament ist solide und das Potenzial ist offensichtlich.
Fazit
Die Leica M EV1 ist eine teuflisch gute Idee in einem kontroversen Gewand. Sie stellt die Annahme infrage, dass der Messsucher für das M-Erlebnis essenziell ist, und beweist, dass das wahre Herz des M-Systems die Objektive sind. Für Fotografen, die mit der Messsucher-Fokussierung zu kämpfen hatten oder die Ultra-Weitwinkel-M-Mount-Objektive ohne optische Kompromisse erkunden wollen, ist die M EV1 definitiv eine Überlegung wert. Für Messsucher-Puristen bleibt die M11 die wahre M. Aber im Jahr 2025 ist es eine wunderbare Sache, beide Optionen zu haben.
Produktlink
Mehr Details zu Leica M EV1 anzeigen
Dieses Produkt wird in dieser Bewertung erwähnt. Bestätigen Sie vor dem Kauf die Spezifikationen, Optionen und Kompatibilität.
Mehr Details zu Leica M EV1 anzeigen